05.03.2015

donnerstags°°°strukturen°°°


Ich habe zu kirchlichen Institutionen eine ganz eigene Haltung, mein Glauben passt in keine vorgefertigte religiöse Richtung und Gotteshäuser betrete ich zugegebenermaßen nur zu Weihnachten oder aus architektonischem Interesse.

Letzteres führte mich vergangene Woche mit meinen Kollegen nach Leipzig, in die wohl berühmtberüchtigste Langzeitbaustelle, die man sich neben der in Dresden allmächtig umstrittenen Waldschlösschenbrücke, vorstellen darf - die Paulinerkirche.



Ach nein, sie ist ja gar keine Kirche mehr, sondern Andachtsraum und Aula. Und soll in jener Zukunft, in der die Räumlichkeiten dann irgendwann genutzt werden, Paulinum heißen.

Mal davon abgesehen, dass es in jeder Hinsicht zwiespältige Gefühle hervorruft, ein ehemaliges Gotteshaus unter mehreren Etagen verschiedener Seminar- und Büroräume zu wissen, die - ich suche noch nach einem Zusammenhang - nicht von den Theologen sondern von Mathematikern und Informatikern genutzt werden, so verpufft der Gedanke an Kirche und alle Göttlichkeit, wenn man im Inneren steht und den Gesamtraum durch zwei verschiebbare kirchraumhohe Acryltüren getrennt sieht.

Die Begründung liegt ganz pragmatisch in der kommenden Nutzung in Form von Aula und Andachtsraum.
Weil Studenten, Musiker, tanzende Menschen so viel schwitzen.
Und diese Luft mal eben umlufttechnisch hinausbefördert werden muss.
Aber nur aus dem Teil, in dem sich die Aula befindet.
Der Andachtsraum wird natürlich belüftet.
Deshalb die Trennung.
Eine Kirche, die also keine mehr sein wird.
Damit könnte man leben, wenn nicht Millionen von Steuergeldern dahingehend zerfließen würden, dass in jahrelanger Arbeit ein Raum geschaffen wird, der alles besitzt, was eine Kirche ausmacht - geprägt in neuarchitektonischer Handschrift - der jedoch eine völlig andere Funktion erfährt. Weil das seit 1543 so ist.

Von wegen form follows function.

In diesem Gebäude und Verworrenheitskonstrukt hinter den Kulissen weiß man nicht so recht, wer wem oder was folgt. Manchmal meint man das Gefühl zu haben, Hauptsache schick. Hauptsache von einem Stararchitekten.

Dass Erik van Egeraat zuvor noch keine Kirche gebaut hat, ist nicht schlimm. Seine öffentlichen (Museums)Bauten zeigen, dass er architektonische Größe besitzt und in der Lage ist, diese auch umzusetzen.
Manchmal steigt Größe aber auch zu Kopf.
Denn dass er Dinge durchsetzen wollte, die allen Statikern - bis auf den hauseigenen versteht sich - das blanke Kopfschütteln zwischen die Schultern treibt, kostet. Eine ungeplante doch abzuhängende Rabitzdecke zahlt man zweifach. Zum einen bei der Erstellung, zum anderen im fetten Rechtstsreit mit dem Architekten.
Weil Größe ab und an zu Kopf steigt.


Obgleich im Inneren - im menschlichen wie architektonischen Gefüge - ein steter Kampf um eine Kirche stattfindet, die doch keine sein darf, so hat das Gebilde an sich, und das rein aus ästhetischen Gesichtspunkten, hier und da Ecken und Kanten, die das Auge erfreuen.

Oder wie es der Kollege so schön sagte: "Du nimmst das wahr, woran die anderen einfach nur vorbeilaufen."

Stimmt.

donnerstags°°°strukturen°°° zum Beispiel.
Erinnern an Lochkarten von anno dazumal.
Finde ich.


Der Blick für Michaelas Mustersammlung, den ich heute etwas verspätet noch herrüberschicke, den fand ich ebenso am Paulinum: Vermusterung der Ornamente.




Übrigens.
Leipzig wäre noch immer - müsste ich aus Dresden weg - Heimat erster Wahl.
Geliebte Stadt, ich komm nochmal in Ruhe wieder.

PS: Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, dass die Informatiker hoch oben wandeln. So bekommen sie doch ab und an etwas von ihrer Umwelt mit.

Kommentare:

  1. Sehr interessant dein Baustellenblick mit Architektenauge. Eine Kirche, die keine sein darf und wer setzt sich hier selbst ein Denkmal, denkwürdig und irgendwie typisch für die Zeit.
    Die Muster haben auch was von Augen fällt mir gerade auf!
    Danke fürs Mustern und überhaupt nicht zu spät, ich sammle die ganze Woche über.
    Grüße von Michaela

    AntwortenLöschen
  2. Ich habe keine Ahnung, ob die Architektur der neuen Paulinerkirche im Detail gelungen ist, ich bin nicht vom Fach...;-). Grundsätzlich kann ich mit dem Neubau, so wie er jetzt ist, und der Nutzung des Gebäudes gut leben. Man kann Kirchen originalgetreu wieder aufbauen wie in Dresden die Frauenkirche oder man schafft ein neues Konzept, welches an das ursprüngliche Gebäude nur noch erinnern soll...ich finde, beides hat seine Berechtigung. Über deinen Beitrag freue ich mich sehr! LG Lotta.

    AntwortenLöschen
  3. Ein Maswerk zu vermustern gefällt mir sehr gut. Schöne Idee. Liebe Grüße in die alte Heimat, Anne

    AntwortenLöschen
  4. deinen bericht finde ich sehr spannend - mir sagt weder die kirche noch der architekt etwas. vielleicht kann ich es mir mal im original in leipzig ansehen.
    deine muster finde ich super gelungen, besonders das erste gefällt mir farblich sehr gut und erinnert an wunderschöne orientalische ornamente in moderner form.
    liebe grüße, mano

    AntwortenLöschen
  5. Was für wundervolle Bilder. Du Große, Du.
    War so schön, mal wieder zu sprechen, hoffentlich bis bald.
    Sei umarmt von Nina

    AntwortenLöschen
  6. Ich finde diesem Klotz grauenvoll. Selbst wenn das Pixeldetail an den Fenstern wirklich schön ist und du Strukturen, Licht und Schatten gut einfangen hast, kann ich weder der Idee der Kircheneinhausung noch der Gebäudehülle formal irgendetwas abgewinnen. Einen Gewinn finde ich es auch nicht für das Stadtbild. Für mich mal wieder ein Beispiel für den Satz, das nicht alles was machbar ist, auch gemacht werden sollte.

    Lieber Gruß, Katja

    AntwortenLöschen

Schön, dass du hier bist. Ich freu mich sehr über ein nettes Wort oder zwei oder drei :-)